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In einem ruhigen Moment dann gehen Luca und ich unseren Zeitplan durch. Zwischen dem letzten und dem nächsten Modul liegen mehrere freie Tage. Zum ersten Mal seit Monaten entsteht etwas Raum.

Ich rufe Wastl an, frage, ob er Zeit hat, ob wir etwas machen können, etwas Unnötiges, etwas, das nicht in einen Plan passt, einfach, um den Druck des ständigen Trainings abzulassen.

Wastl hat Zeit und zwischenzeitlich sind auch die Gleitschirme angekommen, die wir bei Laurent bestellt haben. Was für eine Koinzidenz. So fällt die Entscheidung leicht. Am nächsten Tag fahren wir nach Oberstdorf, laden Wastl und die drei Schirme ins Auto und brechen nach Süden auf, über den Brenner, Richtung Gardasee. Monatelang war alles Winter. Schatten, kalte Luft, gefrorene Finger, harter Schnee. Jetzt verändert sich die Landschaft. Das Licht wird weicher, die Luft wärmer.

Am Gardasee angekommen, strahlt der Fels gespeicherte Wärme ab. Der Duft von Olivenbäumen liegt in der Luft, vermischt mit warmem Stein und Staub. Nach so viel Eis und Gletscherwind wirkt der südliche Wind beinahe unwirklich. Arco erhebt sich über uns mit seinen hellen Kalkwänden. Auf dem See schneiden Windsurfer ihre Linien ins Wasser. Über den Bergen steigen träge Thermiken ruhig in den Himmel. Zum ersten Mal seit langer Zeit beißt die Luft nicht mehr, sie trägt.

Riecht nach Süden und Sommer, leider auch etwas nach den Abgasen der vielen Autos, die hier unterwegs sind und die milde Luft und die mediterrane Umgebung ziemlich verpesten.Es ist dieser widersprüchliche Moment, in dem Wärme und Weite in der Luft liegen und gleichzeitig etwas Schweres darüber liegt, kaum sichtbar, aber spürbar.

Flug vom Monte Baldo

Entlang der Gardesana Orientale suchen wir nun also nach einem geeigneten Landeplatz. Ein großes Feld nahe dem Ufer scheint ideal. Wir schauen es uns genau an, gehen die Fläche ab und sind uns einig: perfekt. Kurz darauf parken wir an der Talstation der Monte-Baldo-Seilbahn, schultern die Gleitschirme und fahren hinauf.

Wir sind zu früh für wirkliche Thermik. Der Windsack hängt noch ziemlich schlaff. So bleibt uns jetzt Zeit für einen Cappuccino und ein Brioche alla Marmellata und auch noch einen Gang zur Toilette. Aus einer Stunde werden zwei. Als wir wieder nach draußen treten, hat sich die Luft verändert. Ein gleichmäßiger Aufwind zieht den Grat entlang, der Windsack steht stabil. Perfekte Bedingungen. Leinen sortieren, Gurtzeug anlegen, alles sitzt. Ich ziehe den Schirm gegen den Wind hoch und gehe über die Kante. Nicht nach unten, sondern direkt in die tragende Luft. Der Aufwind greift, hält mich sofort. Die neuen Prototypen von Laurent gleiten spürbar besser als die alten Schirme von unserer Aktion in Chamonix. Unten liegt der Gardasee, nur 65 Meter über dem Meer. Darüber erhebt sich der Monte Baldo auf über 2.200 Meter. Mehr als zweitausend Höhenmeter Luft liegen zwischen uns und dem Wasser.

Ich fliege zuerst, ruhig, kontrolliert, versuche, entlang der Abbruch Kante zu soaren. Es funktioniert. Die Luft trägt, ich gewinne sogar etwas an Höhe. Eine Dreiviertel Stunde vergeht, vielleicht mehr. Schließlich drehe ich ab und fliege in Richtung des Landeplatzes, den wir vorher ausgekundschaftet haben. Mittlerweile hat sich jedoch alles verändert. Zwischen Seilbahnfahrt, Cappuccino, Brioche und Flug ist aus dem ehemals freien Feld ein proppenvoller Parkplatz geworden. Ich bin bereits zu tief und ein Ausweichen ist absolut nicht mehr möglich. Die Landung wird eng. Super eng. Ich setze zwischen dicht geparkten Autos auf, gerade noch so irgendwie. Mist. Der Schirm fällt zu spät zusammen, schlägt über mehrere Autodächer, bevor ich ihn unter Kontrolle bekomme.

Luca und Wastl haben dieses Mahleur beobachtet und entscheiden sich für eine nasse Landung. Sie gehen gepflegt in den Endanflug, Gegenanflug, finale Volte, alles strikt nach Lehrbuch. Dann kippt die Situation. Die Schirme setzen auf, doch anstatt nach dem Abbremsen zusammenzufallen, füllen sich die Zellen erneut. Für einen kurzen Moment liegen sie mit der Hinterkante auf dem Wasser, dann greift die Ora. Der Nachmittagssüdwind füllt schlagartig die 38 Quadratmeter Tuch und beschleunigt das sich anbahnende Drama. Beide werden nun rückwärts mit nahezu unglaublicher Geschwindigkeit über den See gezogen. Innerhalb von Sekunden geraten sie mitten in ein dichtes Feld von Windsurfern zwischen Riva und Malcesine. Masten brechen, Segel reißen, Leinen verheddern sich, Schirme verdrehen sich. Rufe, Bewegung, Chaos. Beteiligt: zwei Gleitschirmflieger und etwa zwanzig Windsurfer. Die Ora, sonst ein Geschenk für die Surfer, wird für meine Freunde zum Beginn eines völligen Desasters. Komplett unterschätzt. Als ich mich von meinem Schirm befreit habe und per Anhalter nach Malcesine komme ist das Chaos bereits vollflächig.

Ich versuche zu beruhigen, zu erklären, zu ordnen. Kameras tauchen auf, Reporter machen Fotos. Am Ende ist niemand ernsthaft verletzt. Luca und Wastl bleiben unverletzt, durchnässt und durchgeschüttelt. Versicherungsdaten werden ausgetauscht, der Sachschaden ist erheblich. Unsere Schirme sind zerstört.

Wir ziehen uns danach dann still nach Arco. Das Fliegen ist definitiv beendet. Am nächsten Tag klettern wir, hart, fast als müssten wir den vorherigen Tag aus gleichen. Danach fahren wir über Oberstdorf zurück, setzen Wastl ab und nur Luca und ich kehren nach Aarau zurück.

Dort verliert Urs dann keine Zeit. Er legt uns eine Zeitung auf den Tisch. Große Bilder, Gleitschirme, Windsurfer, Gardasee. Ein Text, der von Skilehrern, Bergführern und Aspiranten spricht. Alle Alarmglocken gehen an. Er sagt nur, mit einem leichten Lächeln:

Abfahrt morgen früh. Vier Uhr. Frühstück um drei.“

Am nächsten Morgen führt er uns nach dem Frühstück in den Keller und gibt uns Ausrüstung aus einer anderen Zeit. Schwere, genagelte Bergschuhe, Lodenhosen, grobe Wolljacken, Mützen, kratzende Unterwäsche,, dicke, gedrehte Hanfseile, miserable Handschuhe. Ich habe keine Ahnung, woher oder von wem er das hat. Dann sagt er: Wir steigen jetzt aufs Matterhorn.

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